Preisträger des Jahres 2026

Ich kokettiere manchmal damit, dass ich nicht mal mehr weiß, wie man eine Kamera einschaltet. Weil ich mich von dem Technischen so gut es geht loslösen will. In der modernen Bildgestaltung ist es unheimlich verführerische Atmosphäre dem Raum und der Intimität widmen. Das sind meine drei Grundfesten bei der visuellen Arbeit.
Florian Hoffmeister im Gespräch mit „Serienjunkies.de“
1970 in Braunschweig geboren, sammelte Florian Hoffmeister zunächst durch Praktika als Beleuchterund im Kameraverleih sowie als Material- und Kameraassistent und freier Beleuchter Erfahrungen im Filmbereich. 1994 nahm er ein Regie- und Kamerastudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (DFFB) in Berlin. Sein Regiedebüt hatte er mit dem Kurzfilm STIMMEN DER WELT (1997), der für den Bundeskurzfilmpreis nominiert wurde. Mit dem DFFB-Abschlussfilm PAUL IS DEAD (2000) von Hendrik Handloegten realisierte Hoffmeister seinen ersten Langfilm als hauptverantwortlicher Kameramann. Der Film erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter den Grimme Preis und den Studio Hamburg Nachwuchspreis. 2001 arbeitete Hoffmeister als Kameramann unter der Regie von Hannes Stöhr an BERLIN IS IN GERMANY, der mit dem Panorama-Publikumspreis der Berlinale ausgezeichnet wurde.
Für LIEGEN LERNEN (2003) übernahm Hoffmeister erneut die Bildgestaltung für einen Film von Hendrik Handloegten und wirkte in den Folgejahren an Fernsehfilmen wie TATORT: 3 X SCHWARZER KATER (2003, R: Buddy Giovinazzo) oder POLIZEIRUF 110: TIEFE WUNDEN (2003, R: Buddy Giovinazzo) mit. Zudem stellte er beim Locarno Filmfestival 2005 seine erste lange Regiearbeit 3° KÄLTER vor, der er 2016 seinen zweiten Spielfilm DIE HABENICHTSE folgen ließ. Schwerpunktmäßig trat Florian Hoffmeister allerdings weiterhin als Bildgestalter in Erscheinung. Ein Wendepunkt in seiner Karriere stellte diesbezüglich der Wechsel nach Großbritannien dar. In Zusammenarbeit mit seiner Mentorin Antonia Bird realisierte er den Fernsehfilm THE HAMBURG CELL (2004), mit dem er sich auch auf der Insel als Director of Photography etablieren konnte. Besonders fruchtbar erwies sich danach die Zusammenarbeit mit Regisseur Terence Davies. So war Hoffmeister Bildgestalter für THE DEEP BLUE SEA (2011) und A QUIET PASSION (A QUIET PASSION –DAS LEBEN DER EMILY DICKINSON, 2016) mit denen er international auf sich aufmerksam machen konnte. Daneben trug sein Engagement bei der Golden Globe nominierten Serie FIVE DAYS (2007-2010, C: Gwyneth Hughes) zur wachsenden Reputation von Hoffmeister bei. Zu Beginn der 2010er Jahre gelang Hoffmeister ein bedeutender Erfolg in seiner Karriere: Als erster Bildgestalter gewann er für die BBC-Miniserie GREAT EXPECTATIONS (CHARLES DICKENS‘ GROßE ERWARTUNGEN, 2011-2012, R: Brian Kirk) sowohl einen Emmy, einen BAFTA, als auch einen ASC Award.
Zudem wurde er 2014 vom Branchenblatt Variety als einer von „10 Cinematographers to Watch“ gelistet. Im gleichen Jahr wird Hoffmeister Mitglied der British Society of Cinematographers. In den Folgejahren erweiterte sich Hoffmeisters Wirkungsbereich auch auf Hollywood-Produktionen wie MORTDECAI (MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER, 2016, R: David Koepp), prominent besetzt mit Johnny Depp und Gwyneth Paltrow, oder die HBO-Serie TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY (2024, C: Nic Pizzolatto, Issa López). Gerade diese Phase zeugt von der stilistischen Bandbreite seines Schaffens: vom aufwendigen Kostümfilm über Komödie, Thriller und Horror gestaltet Hoffmeister Bilder in den unterschiedlichsten Genres.
Für den Spielfilm TÁR (2022, R: Todd Field) mit Cate Blanchett in der Hauptrolle wurde Hoffmeister für seine Bildgestaltung erstmals für einen Oscar nominiert. Zuletzt gab es von ihm die Komödie THE ROSES (DIE ROSENSCHLACHT, 2025, R: Jay Roach) mit Olivia Colman und Benedict Cumberbatch in den Kinos zu sehen.
Die Kamera bewegt sich beinahe nur, wenn sich auch die Figuren bewegen. Das ist ein wesentliches Merkmal, das bei der Bildgestaltung von Florian Hoffmeister zuerst auffällt – und es ist auch ein von ihm selbst formuliertes Credo seiner Arbeit, wie er in Interviews ausführt. Dieser Leitgedanke macht deutlich, worum es Hoffmeister geht beziehungsweise nicht geht: keine abrupten oder hektischen Bewegungen, die versuchen, eine künstliche Dramatik zu erzeugen; keine unnötige Aufmerksamkeitslenkung weg von der Handlung und hin zur Kamera. Was auf den ersten Blick wie ein Verzicht auf die Möglichkeiten von Kamerabewegungen wirken könnte, ist vielmehr das besondere Augenmerk für ihren bewussten und sorgfältig konzipierten Einsatz. Man denke beispielsweise an die knapp zehnminütige Einstellung aus dem Film TÁR (2022, R: Todd Field), für den Hoffmeisters bildgestalterische Arbeit eine Oscarnominierung erhalten hat. Dort sehen wir die Dirigentin Lydia Tár (Cate Blanchett) vor ihren Studierenden scharfzüngig über den etablierten Musikkanon und Cancel Culture referieren. Die Kamera folgt jeder ihrer Bewegungen durch den Hörsaal und kommt immer dann zum Stehen, wenn sie es auch tut. Das Ergebnis ist ein Wechsel von flüssigen Kamerabewegungen und statischen Momenten, der das wachsende Unwohlsein und den sich zuspitzenden Konflikt zwischen Tár und einem ihrer Studierenden dramatisch unterstützt, sich dabei aber nicht aufdrängt.
Bewegung ist ein Kernbegriff, wenn es um Florian Hoffmeisters Bildgestaltung geht und es ist zugleich ein Begriff, der sich auch auf anderen Ebenen durch seine Karriere zieht. Da ist der Wechsel zwischen seinen Arbeiten als DOP und denen als Regisseur bei 3° KÄLTER (2005) und DIE HABENICHTSE (2016). Da ist die physische Bewegung des gebürtigen Braunschweigers raus aus Deutschland und nach Großbritannien, wo er mit Filmen wie THE HAMBURG CELL (2004, R: Antonia Bird) Fuß fasst, um schließlich auch an Projekten wie MORTDECAI (MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER, 2016, R: David Koepp) in Hollywood mitzuwirken. Da ist aber auch ein Hin und Her zwischen Genres, das von der beeindruckenden Bandbreite seines Schaffens zeugt: von historischen Kostümfilmen wie IN SECRET (IN SECRET – GEHEIME LEIDENSCHAFT, 2013, R: Charlie Stratton), politischen Dramen wie OFFICIAL SECRETS (2019, R: Gavin Hood) über den Horrorfilm ANTLERS (2021, R: Scott Cooper) bis hin zu Komödien wie THE ROSES (DIE ROSENSCHLACHT, 2025, R: Jay Roach). Und von besonderer Bedeutung ist die wechselnde Mitarbeit an Spielfilmen auf der einen und Fernsehserien auf der anderen Seite. Zu letzteren zählen die für die BBC realisierte Miniserie GREAT EXPECTATIONS (CHARLES DICKENS‘ GROßE ERWARTUNGEN, 2011-2012, R: Brian Kirk) ebenso wie die Apple+-Produktion PACHINKO (2022-2024, C: Soo Hugh) oder HBOs TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY (2024, C: Nic Pizzolatto, Issa López).
In Hoffmeisters Projekten als Bildgestalter sind es gerade die Momente, in denen die Kamera den Figuren nicht folgt oder sich ohne ihr Zutun in Bewegung setzt, die von besonderer Bedeutung sind. Da gibt es etwa eine Einstellung in der Serie THE TERROR (2018, C: David Kajganich, Max Borenstein, Alexander Woo; Staffel 1, Folge 4). Hier verharrt die Kamera auf dem Treppenabsatz, während die zwei um ihre Männer bangenden Frauen sich nach einer Krisensitzung entfernen. Sie unterstreicht auf diese Weise, dass die Bemühungen der beiden um eine Rettungsaktion auf See vergeblich sein werden. Demgegenüber stehen Kreisfahrten, bei der die Kamera sich um ihre eigene Achse dreht und so die im Raum versammelten Personen vorstellt wie am Anfang von MORTDECAI oder zu Beginn der Pilotfolge von THE TERROR. In A QUIET PASSION (A QUIET PASSION – DAS LEBEN DER EMILY DICKINSON, 2016, R: Terence Davies) vollzieht diese Bewegung gleichsam den Blick der Protagonistin nach, die abends im Wohnzimmer die versammelten Familienmitglieder beobachtet. Dass mit dieser Bewegung zugleich eine innere, emotionale Verschiebung einhergeht, legt der nicht mehr leicht lächelnde, sondern traurige Gesichtsausdruck von Emily Dickinson (Emma Bell) nahe, sobald die Kamera wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt ist.
Hervorzuheben ist auch die Kreisbewegung zu Beginn von THE DEEP BLUE SEA (2011, R: Terence Davies), mit der wir uns durch die Zeit bewegen: In einem Top Shot sehen wir das von Rachel Weisz und Tom Hiddleston gespielte Liebespaar gemeinsam im Bett, während die Kamera über ihren nackten Körpern rotiert. Nach einer Überblendung sieht sich die verheiratete Frau mit dem nun abweisend wirkenden Rücken ihres Liebhabers konfrontiert, worauf nach einer weiteren Überblendung die nach einem Suizidversuch auf dem Boden liegende Hauptfigur zu sehen ist. Die Kreisbewegungen zeichnen die emotionale Achterbahnfahrt der Protagonistin nach, die vom frisch gefunden Liebesglück bis zur verzweifelten Resignation reicht. Es ist die Geschichte eines Kontrollverlusts, die Hoffmeister auch in THE TERROR oder TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY mithilfe von Top Shots kennzeichnet und auf diese Weise die Konfrontation der Figuren mit scheinbar ausweglosen Situationen unterstreicht. Auch Lydia Tár ist einmal in einer solchen Einstellung zu sehen, wie sie auf dem Boden Plattenalben zur Inspiration für ihre nächste Porträtaufnahme ausbreitet. Noch blickt sie von oben auf die Dinge herab und kann frei über ihr Selbstbild bestimmen, was sich im Laufe des Films allerdings radikal ändern wird.
Hoffmeister zeichnet sich aber nicht nur durch ein besonderes Gespür für Bewegungen und Bildkomposition aus, sondern insbesondere durch seinen virtuosen Umgang mit Licht und Farbe. Hier zeigt sich die volle Bandbreite seines schöpferischen Könnens, das sich entlang der unterschiedlichen Sujets seiner Projekte immer wieder neu entfaltet: von den fast schon naturalistisch wirkenden Aufnahmen aus THE HAMBURG CELL, über das in grünliche Grautöne getauchte und dadurch umso gespenstischer wirkende Anwesen von Miss Havisham (Gillian Anderson) in GREAT EXPECTATIONS, bis hin zu den hervorstechenden Primärfarben in MORTDECAI. Und dann gibt es da noch Hoffmeisters Vorliebe dafür, weite Teile des Bildes im Dunkeln zu belassen. Eindrucksvoll lässt sich das an den scheinbar nur von innerhalb der jeweiligen Szene vorhandenen Lichtquellen wie Kerzen oder Taschenlampen in A QUIET PASSION und ANTLERS beobachten. Damit einher geht das Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten, die insbesondere dem visuellen Konzept von TRUE DETECTIVE: NIGHT COUNTRY zugrunde liegen. Hier treffen das ewige Schwarz der Polarnacht wirkungsvoll auf die im Vergleich umso heller ausgeleuchteten Innenräume der fiktiven Stadt Ennis in Alaska.
2014 hat die Zeitschrift Variety Florian Hoffmeister zu einem von zehn „Cinematographers to Watch“ ernannt. Zu sehen gibt es seine Filme und Serien dieses Jahr beim Marburger Kamerapreis und den Bild-Kunst Kameragesprächen. In Filmvorführungen und Werkstattgesprächen bietet sich die Chance für das Publikum, aber auch für Hoffmeister selbst, seine Arbeiten zu reflektieren und neu zu entdecken. Im Idealfall ergeben sich für ihn daraus neue Impulse und Anregungen für zukünftige Projekte. Denn im Falle von Florian Hoffmeister ist klar, dass er noch lange nicht am Ende seiner Reise angekommen ist. Der Preis honoriert die klare und unaufgeregte Kameraführung von Hoffmeister ebenso wie seine ausdrucksstarke Bildgestaltung und das nuancierte Zusammenspiel von Licht, Farbe und Dunkelheit. Bei all seinen Projekten stellt er sich immer wieder aufs Neue ganz in den Dienst der zu erzählenden Geschichte und hat es im Laufe der Jahre dennoch geschafft, sich eine persönliche Handschrift zu erarbeiten. Wir freuen uns auf viele weitere internationale Spielfilm- und Serienprojekte, die nicht nur, aber auch von dem eindrucksvollen Gespür für Bewegung dieses außergewöhnlichen Bildgestalters geprägt sind.
2025
The Roses
Regie: Jay Roach
2024
TRUE DETECTIVE (Serienstaffel: NIGHT COUNTRY)
Creators: Nic Pizzolatto und Issa López
2023
The Fundraiser
Regie: Todd Field
2022
Tár
Regie: Todd Field
Mortar – Hildur Guðnadóttir (Musikvideo)
Regie: Todd Field
PACHINKO (Serie: S.1, E.1-3, 7)
Creator: Soo Hugh
2021
Antlers
Creator: Scott Cooper
2020
Divine
Regie: Jan Schomburg
2019
Official Secrets
Regie: Gavin Hood
2018
Johnny English Strikes Again
Regie: David Kerr
THE TERROR (Serie: S.1, E.1-3)
Creators: David Kajganich, Max Borenstein und Alexander Woo
2016
A Quiet Passion
Regie: Terence Davies
DIE HABENICHTSE
Regie: Florian Hoffmeister
2015
Mortdecai
Regie: David Koepp
2014
HYSTERIA (Serie: S.1, E.1: Pilot)
Regie: Otto Bathurst
2013
In Secret
Regie: Charlie Stratton
2012
British Legends of Stage and Screen (Dokumentarserie: S1, E.3: Christopher Lee)
Regie: Anthony Fabian
PLAYHOUSE PRESENTS (Serie: S.1, E.4: KING OF THE Teds)
Creators: Stanley Kutler, Harry Shearer und Kate Hardie
2011
GREAT EXPECTATIONS (Miniserie)
Regie: Brian Kirk
THE DEEP BLUE SEA
Regie: Terence Davies
SILK (Serie: S.1, E.1 -2)
Creator: Peter Moffat
2010
Mark Ronson & The Business Intl:
SOMEBODY TO LOVE ME (Musikvieo)
Regie: Saam Farahmand
STUDY AFTER CRUEL INTENTIONS (Kurzfilm)
Regie: Saam Farahmand
THE PIZZA MIRACLE (Kurzfilm)
Regie: Tony Grisoni
2009
10 MINUTE TALES (Serie: S.1, E.9: SYNCING)
Regie: Tony Grisoni
MARGOT (Fernsehfilm)
Regie: Otto Bathurst
SLEEP WITH ME (Fernsehfilm)
Regie: Marc Jobst
THE PRISONER (Miniserie)
Regie: Nick Hurran
2008
KINGSLAND #1: THE DREAMER (Kurzfilm)
Regie: Tony Grisoni
A NUMBER (Fernsehfilm)
Regie: James MacDonald
HOUSE OF SADDAM (Miniserie)
Regie: Alex Holmes und Jim O’Hanlo
2007
FIRST CUT (Serie: S.1, E.2: SLEEP WITH ME)
Regie: Pat O’Mahony
POST MORTEM (Serie: S.1, E.7)
Creator: Lorenz Lau-Uhle
FIVE DAYS (Serie: S.1, E.1-5)
Creator: Gwyneth Hughes
FIVE DAYS: REVISED FINAL EPISODE
Regie: Simon Curtis
2006
DER BESTE LEHRER DER WELT (Fernsehfilm)
Regie: Lars Becker
CRACKER (Fernsehfilm) Regie: Antonia Bird
2005
One Day in Europe
Regie: Hannes Stöhr
2004
THE HAMBURG CELL (Fernsehfilm) Regie: Antonia Bird
3° Kälter
Regie: Florian Hoffmeister
2003
TATORT (Serie: S.1, E.543: 3X SCHWARZER KATER)
Regie: Buddy Giovinazzo
LIEGEN LERNEN
Regie: Hendrik Handloegten
MUTTERKIND (Fernsehkurzfilm)
Regie: Alfa Conradt
POLIZEIRUF 110 (Serie: S.32, E.1: TIEFE WUNDEN)
Regie: Buddy Giovinazzo
2002
Kismet – Würfel Dein Leben
Regie: Lars Kraume
GROßE MÄDCHEN WEINEN NICHT
Regie: Maria von Heland Kameraassistenz Second Unit: Florian Hoffmeister
2001
Berlin is in Germany
Regie: Hannes Stöhr
2000
Paul is Dead
Regie: Hendrik Handloegten
1997
STIMMEN DER WELT (Kurzfilm)
Regie: Florian Hoffmeister
