2014: Paweł Edelman

Paweł Edelman

Preisträger des Jahres 2014

Ein guter Kameramann entfaltet die Story gemeinsam mit dem Regisseur. Selbst die wundervollste Bildgestaltung ist ein Disaster, wenn sie um ihrer selbst Willen gemacht ist. Bilder müssen dem Film dienen.

Paweł Edelman

Paweł Edelman wurde am 26. Juni 1958 in Łódź geboren. Er ist ein polnischer Kameramann. Edelman studierte in seiner Heimatstadt Filmwissenschaft und wechselte dann zur renommierten Filmhochschule Łódź, wo er 1988 seine Ausbildung als Kameramann abschloss. Nach dem Studienabschluss arbeitete er kurzzeitig als Dozent für Filmgeschichte an seiner Heimatuniversität Łódź und unterrichtete Kamera am Fachbereich Radio und Fernsehen der Universität Silesia in Katowice.

Sein Debüt als verantwortlicher Kameramann gab er 1989 mit dem Spielfilm Gluchy telefon (Gestörte Verbindung) von Piotr Mikucki. In den darauffolgenden Jahren prägte er den neuen polnischen Film mit einer Vielzahl an Filmen unter der Regie von Władysław Pasikowski, darunter Kroll (1991), Slodko Gorzki (Bitter-Süß) (1996), Psy (Hunde) (1992), etc. Bereits 1999 listete ihn die Variety als einen der zehn vielversprechendsten jungen Kameramänner weltweit. 1999 begann ebenfalls die Zusammenarbeit mit Andrzej Wajda mit der Verfilmung des polnischen Nationalepos Pan Tadeusz. Dieser Film brachte ihm nicht nur internationale Anerkennung ein, sondern machte auch eine Vielzahl von Filmemachern auf ihn aufmerksam, darunter Roman Polanski. Es folgte 2002 die gemeinsame Zusammenarbeit für den Erfolgsfilm Der Pianist, der für Edelman den internationalen Durchbruch bedeutete. Neben einer Oscar-Nominierung und der Aufmerksamkeit Hollywoods wurde Edelman 2003 mit einer Vielzahl an internationalen Auszeichnungen geehrt (César, Europäischer Filmpreis, BAFTA Award Nomination, etc.) für seine Kinematografie.

Heute arbeitet Edelman sowohl an internationalen wie auch polnischen Produktionen, vor allem immer wieder mit den ihn prägenden Regisseuren Wajda und Polanski. Große und aufwändige Produktionen wie Oliver Twist (Polanski), All the King`s Men (Steven Zaillian), Das Massaker von Katyn(Wajda), Der Ghostwriter und Der Gott des Gemetzels (Polanski), Ray (Taylor Hackford) zählen dazu. Auf den Filmfestspielen von Venedig feierte Walesa unter der Regie von Andrzej Wajda seine Kinopremiere.

The Coldest Game (2019)
Regie: Lukasz Kosmicki

J’accuse | Intrige (2019)
Regie: Roman Polanski

Intrigo: Samaria (2019)
Regie: Daniel Alfredson

Intrigo: In Love, Agnes (2019)
Regie: Daniel Alfredson

Intrigo: Death of an Author (2018)
Regie: Daniel Alfredson

D’après une histoire vraie (2017)
Regie: Roman Polanski

Powidoki (2016)
Regie: Andrzej Wajda

#WszystkoGra (2016)
Regie: Agnieszka Glinska

Obywatel (2014)
Regie: Jerzy Stuhr

Operation Arsenal – Schlacht um Warschau (2014)
Regie: Robert Glinski

Three Short Films About Peace (2014, TV Serie, Short, 3 Episoden)
– The Shipyard
– The Moment
– The Dream

Walesa. Czlowiek z nadziei | Walesa (2013)
Regie: Andrzej Wajda

La Vénus à la fourrure | Venus im Pelz (2013)
Regie: Roman Polanski

Pokłosie | Nachlese (2012)
Regie: Wladyslaw Pasikowski

Carnage | Der Gott des Gemetzels (2011)
Regie: Roman Polański

The Ghost Writer | Der Ghostwriter (2010)
Regie: Roman Polański

New York, I love you ( 2009, Segment)
Regie: Brett Ratner

The New Tenants (2009, Short)
Regie: Joachim Back

Tatarak | Der Kalmus (2009)
Regie: Andrzej Wajda

Katyń | Das Massaker von Katyn (2007)
Regie: Andrzej Wajda

The Life Before Her Eyes | Das Leben vor meinen Augen (2007)
Regie: Vadim Perelman

All the King’s Men | Das Spiel der Macht (2006)
Regie: Steven Zaillian

Oliver Twist (Regie)
Regie: Roman Polański

Ray (2004)
Regie: Taylor Hackford

Zemsta | Die Rache (2002)
Regie: Andrzej Wajda

The Pianist | Der Pianist (2002)
Regie: Roman Polański

Boze skrawki | Verlorene Kinder des Krieges (2001)
Regie: Yurek Bogayevicz

Reich (2001)
Regie: Władysław Pasikowski

Duze zwierze | Das große Tier (2000)
Regie: Jerzy Stuhr

Prawo ojca | Fathers Right (2000)
Regie: Marek Kondrat

Operacja Samum | Operation Samum (1999)
Regie: Władysław Pasikowski

Pan Tadeusz (1999)
Regie: Andrzej Wajda

Demony wojny wg Goi | Die Schrecken des Krieges nach Goya (1998)
Regie: Władysław Pasikowski

Kroniki domowe | Häusliche Chronik (1997)
Regie: Leszek Wosiewicz

Szcesliwego Nowego Jorku | Glückliches New York (1997)
Regie: Janusz Zaorski

Historie milosne | Liebesgeschichten (1997)
Regie: Jerzy Stuhr

Słodko Gorzki | Bitter-Süß (1996)
Regie: Władysław Pasikowski

The Poison Tasters (1995)
Regie: Ulrik Theer

L`aube à l`envers (1995, Short)
Regie: Sophie Marceau

Nastazja (1994)
Regie: Andrzej Wajda

Psy II | Hunde II (1994)
Regie: Władysław Pasikowski

Taranthriller (1993)
Regie: Miroslaw Dembinski

Psy | Hunde (1992)
Regie: Władysław Pasikowski

Listopad | November (1992)
Regie: Łukasz Karwowski

Kroll (1991)
Regie: Władysław Pasikowski

Gluchy telefon | Gestörte Verbindung (1989)
Regie: Piotr Mikucki

TV:

Hamlet (2004)
Regie: Lukasz Barczyk

Dokumentarfilm:

Roman Polanski: A Film Memoir (2011)
Regie: Laurent Bouzereau

Krec! Jak kochasz, to krec! (2009)
Regie: Andrzej Wajda

Ilinix (1998)
Regie: A. Kraszewski

Spielfilme/ als Kameraassistent:

Escape from the „Liberty“ Cinema (1990)
Regie: Wojciech Marczewski, K: Jerzy Zieliński, Krzysztof Ptak

The Ball at the Koluszki Junction (1989)
Regie: Filip Bajon, K: Piotr Sobociński

Lava (1989)
Regie: Tadeusz Konwicki, K: Piotr Sobociński

The Star Wormwood (1988)
Regie: Henryk Kluba, K: Jarosław Szoda

2011 Prize for a lifetime, European Federation of Cinematographers IMAGO

2008 The Eagle, Polish Film Award for Best Cinematography für Katyn

2007/08 Złota Kaczka (The Golden Duck Award), movie magazine Film, in the Best Cinematography category

2005 Hollywood Film Festival Award – Cinematographer of the Year

2004 ASC Awards Nomination for Best Cinematography für Ray

2003 Oscar Nomination for Best Cinematography für The Pianist

BAFTA Awards Nomination for Best Cinematography für The Pianist

ASC Awards Nomination for Best Cinematography für The Pianist

The Eagle, Polish Film Award for Best Cinematography für The Pianist

Cėsar, French Academy of Film Art and Technology Award for Best Cinematography für The Pianist

2002 European Movie Award for Best Cinematography für The Pianist

2000 The Eagle, Polish Film Award for Best Cinematography für Pan Tadeusz: The Last Foray in Lithuania

1999 Daily Variety Award „10 Cinematographers to Watch”

1997 Award for Best Cinematography, Polish Film Festival Gdynia für The Home Chronicles

Bronze Frog, Camerimage – International Film Festival of the Art of Cinematography für The Home Chronicles

1991 Award for Best Cinematography, Polish Film Festival Gdynia für Kroll

1988 The Andrzej Munk Award for Best Dėbut of the Year for cinematography für KWK Wujek

Mit Paweł Edelman wird im Jahr 2014 nicht nur ein herausragender polnischer Kameramann mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet, sondern einer der führenden europäischen Bildgestalter, der die zerklüftete Geschichte des 20. Jahrhunderts in beeindruckende Bilder übersetzt hat. Der Stammkameramann der beiden Großmeister des (nicht nur) polnischen Kinos, Roman Polanski und Andrzej Wajda, hat zahlreiche wichtige Stoffe des europäischen 20. Jahrhunderts, vom Warschauer Ghetto (Der Pianist, 2002, Roman Polanski, Oscar- Nominierung) über das Massaker von Katyn (2007, Andrzej Wajda) bis zur Solidarnosc- Bewegung auf der Danziger Werft (Walesa, 2013, Andrzej Wajda) in wirkmächtige Bilder gefasst. Doch auch in Hollywood hat er mehrere Filme gedreht, so die Biografie Ray (2004, Taylor Hackford), das Politdrama All the King’s Men (2006, Steve Zaillian) und den Mindgame-Thriller The Life before her Eyes (2007, Vadim Perelman).

Edelman entstammt der traditionsreichen polnischen Filmschule von Łodz, die schon zahlreiche international bekannte Bildgestalter hervorgebracht hat. Was Edelmans Gesamtwerk auszeichnet, sind nicht nur die geschichtsträchtigen Sujets, sondern auch die Einfühlsamkeit, mit der sich seine Bildlichkeit den Geschichten und Stoffen annähert, ohne in eine rein illustrierende Funktion zu verfallen. Die Filme erzählen in kraftvollen, sich dennoch nie in den Vordergrund drängenden Bildern von der konfliktreichen Geschichte Europas, von den Höhepunkten und Tiefpunkten, den Wendemarken und Gipfelpunkten des 20. Jahrhunderts. In Roman Polanskis Der Pianist zeigt die Kamera in nüchterner und fast schon bescheidender Weise ohne große Ablenkung die Schrecken des Warschauer Ghettos und der deutschen Besetzung Polens. Die Bildgestaltung stellt sich ganz in den Dienst der erzählten und der realen Geschichte, um mit ausgebleichten Farben – hergestellt mit einem damals neuartigen und wenig erprobten Digital Intermediate-Verfahren – einen fast schon transparent zu nennenden Stil zu erzeugen, der sich wohltuend vom Bombast anderer Historienfilme abhebt.

Bereits 1994 hat Edelman in einem Gespräch darauf hingewiesen, dass er zwei Impulse in seiner Kameraarbeit zu vereinen suche – das Aufwändige und Beeindruckende à la Apocalypse Now und das Kammerspielartige, Psychologische im Sinne Ingmar Bergmans. Gerade die großen historischen Stoffe ermöglichen die produktive Verbindung dieser beiden Linien, vielleicht am augenfälligsten in Andrzej Wajdas Das Massaker von Katyn. Der Film erzählt episodisch anhand einer Reihe von Figuren von Polens traumatischer Teilung im Zweiten Weltkrieg zwischen Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion. Mit eingefügtem Originalmaterial wird die Brücke zwischen der historischen Dokumentation und der fiktionalen Erzählung geschlagen, die abschließende 20-minütige Darstellung des Massakers von Katyn zu Krzysztof Pendereckis kongenialer Musik gehört zu den am stärksten nachhallenden Sequenzen aus Edelmans Werk.

Doch auch Gegenwartsstoffe setzt Edelman innovativ und aufregend in eine eigene Bildsprache um. In The Ghost Writer (2010, Roman Polanski) nutzt er die ultramodernen und gläsernen Schauplätze, insbesondere die Strandvilla an der US-Ostküste (tatsächlich
wurden die Szenen auf Sylt und Usedom gedreht), um die hermetische Geschlossenheit von Räumen, aber auch plötzliche Öffnungen und Durchblicke zu akzentuieren. Die moralische Leere der Politik, aber auch die Kontrolle und Gefangenheit des naiven und namenlosen Ghostwriters findet dabei eine adäquate Bildlichkeit in den immer wieder überraschend dezentrierten und gekippten Kompositionen. Auch wenn das schicke Cobble-Hill-Apartment, in dem sich die Handlung von Carnage (2012, Gott des Gemetzels, Roman Polanski) entfaltet, und die wenigen Außenaufnahmen des Brooklyn Bridge Park in einem Studio in Paris beziehungsweise als Rückprojektion entstanden sind, so zweifelt man nie an der wahrheitsgetreuen Darstellung des Milieus. In dieser Adaption des Theaterstücks von Yasmine Reza unterstreicht die Kamera den skeptischen, ja distanzierten Blick des Regisseurs Polanski auf diesen Mikrokosmos bürgerlichen Lebens, unter dessen dünner Oberfläche sich aggressive Impulse und unbeherrschbare Neigungen verbergen.

Auch bei seinen Arbeiten in Hollywood findet Edelman individuelle und kreative Lösungen, die den Besonderheiten der jeweiligen Stoffe angemessen sind. Immer wieder vermag er sich dabei von der konventionalisierten Bildsprache freizumachen, die Zeitsprünge in Hollywood kennzeichnet. Das Biopic Ray (2004, Taylor Hackford) schildert das Leben des Musikers Ray Charles anhand eines zunehmend unruhiger werdenden Stils, als sich der Musiker von seinen Wurzeln im ländlichen Florida entfernt und den Drogen verfällt, während die Rückblenden in die Zeit vor seine Erblindung durch saturierte und volle Farben gekennzeichnet werden. Und The Life before her Eyes (2007, Vadim Perelman) nutzt eine breite Palette der zur Verfügung stehenden Effekte – Freeze Frame, Zeitlupe, ungewöhnliche Kamerawinkel – in der visuellen Umsetzung einer dramatischen Geschichte um einen Amoklauf, die in mehreren Zeitebenen entfaltet wird.

Paweł Edelman ordnet die Technik der künstlerischen Gesamtvision des Films unter, akzentuiert dabei allerdings immer die Visualität und Bildlichkeit des Mediums. Jeder Film findet dabei zu individuellen Lösungen, die der Geschichte angemessen sind und mit der Vorstellung der Regie und der Schauspielleistung der Darsteller korrespondiert.