Reinhold Vorschneider

  • Wenn ich schaue, ist die Wahrnehmung des Lichts schon sehr im Vordergrund. Und ich hatte schon sehr früh das Gefühl, dass die natürlichen Lichtqualitäten die Qualitäten von gestaltetem Film Licht oft übertreffen.

    — Reinhold Vorschneider
    Biografie

    Reinhold Vorschneider, geboren 1951, studiert zunächst Philosophie und Politologie, bevor er 1983 ein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) aufnimmt. Seit seinem Abschluss im Jahr 1988 ist Vorschneider als Kameramann tätig. In dieser Funktion arbeitet er meist mit Autorenfilmern wie Rudolf Thome („Paradiso – Sieben Tage mit sieben Frauen„; 2000), Angela Schanelec („Nachmittag„; 2007), Maria Speth („Madonnen„, 2007), Thomas Arslan, Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg zusammen.

    Neben seinen Kinoarbeiten ist Vorschneider auch an TV-Produktionen beteiligt, zumeist für die Filme des Regisseurs Michael Kreihsl („Der Prager Frühling„, 2008). 2010 war Reinhold Vorschneider mit drei Filmen auf der Berlinale vertreten: Benjamin Heisenbergs „Der Räuber“ (im Wettbewerb), Angela Schanelecs „Orly“ und Thomas Arslans „Im Schatten“ (beide im Forum).

    Für seine Bildgestaltung bei Benjamin Heisenbergs hoch gelobtem Drama „Der Räuber“ wird Reinhold Vorschneider 2010 für den Deutschen Filmpreis nominiert. Mit „Der Räuber“ war er zudem in der Kategorie Kamera für den Österreichischen Filmpreis und den Deutschen Kamerapreis nominiert.

    Auf der Berlinale 2011 waren seine Arbeiten „Swans“ von Hugo Vieira da Silva und „Dreileben/Eine Minute Dunkel“ von Christoph Hochhäusler zu sehen. „Dreileben“ erhielt 2012 den Grimme-Preis Spezial.

    2012 drehte Reinhold Vorschneider gerade mit Benjamin Heisenberg den neuen Kinofilm „Wandelsterne“ sowie mit Maria Speth „Anonym“. Beide Projekte befinden sich in der Postproduktion.

    Filmografie

    Helle Nächte (2017)
    R: Thomas Arslan

    Liebe möglicherweise (auch Auf Reisen) (2016)
    R: Michael Kreihsl

    Der traumhafte Weg (2015)
    R: Angela Schanelec

    Wild (2015)
    R: Nicolette Krebitz

    Über ich und du (2014)
    R: Benjamin Heisenberg

    Die Lügen der Sieger (2014)
    R: Christoph Hochhäusler

    Die Abmachung (2013)
    R: Peter Bösenberg

    Wandelsterne (2012/2013)
    R: Benjamin Heisenberg

    Anonym (2012)
    R: Maria Speth

    Halbschatten (2011/2012)
    R: Nicolas Wackerbarth

    Eine Minute Dunkel (2010/2011)
    R: Christoph Hochhäusler

    Swans (2010/2011)
    R: Hugo Vieira da Silva

    9 Leben (2010)
    R: Maria Speth

    Im Schatten (2009/2010)
    R: Thomas Arslan

    Orly (2009/2010)
    R: Angela Schanelec

    Der Räuber (2008-2010)
    R: Benjamin Heisenberg

    Nachmittag (2006/2007)
    R: Angela Schanelec

    Madonnen (2005-2007)
    R: Maria Speth

    Schläfer (2004/2005)
    R: Benjamin Heisenberg

    Close (2004)
    R: Marcus Lenz

    Marseille (2003/2004)
    R: Angela Schanelec

    Mein langsames Leben (2000/2001)
    R: Angela Schanelec

    In den Tag hinein (2000/2001)
    R: Maria Speth

    Paradiso – Sieben Tage mit sieben Frauen (1999/2000)
    R: Rudolf Thome

    Plätze in Städten (1997/1998)
    R: Angela Schanelec

    Das Glück meiner Schwester (1995)
    R: Angela Schanelec

    Das Geheimnis (1994/1995)
    R: Rudolf Thome

    Hinter dem Holunderbusch (1993) (Doku)
    R: Dagmar Jacobsen

    Die Sonnengöttin (1992)
    R: Rudolf Thome

    Fremde Leben (1990)
    R: Ralph Bohn

    Der Philosoph (1988/1989)
    R: Rudolf Thome

    (1987)
    R: Klaus Weise

    Retouche (1984/1985)
    R: Beat Lottaz, Dieter Funk

    Als Kameramann / Kurzspielfilme:

    Deutschland ’09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation: Episode „Erster Tag“ (2008/2009)
    R: Angela Schanelec

    Halbe Stunden (2007)
    R: Nicolas Wackerbarth

    In no sense (1992)
    R: Claudia Schillinger

    Billi (1990) (auch Licht)
    R: Priska Forter

    Tagesreste (1989)
    R: Matthias Müller

    Für Axel (1989)
    R: Max Müller

    Das Wasser des Nils wird zu Blut werden (1988/1989)
    R: Frank Behnke

    The Shadow of Your Smile (1986)
    R: Thomas Bauermeister

    Als Kameramann/ TV:

    Das Attentat auf Matthias Erzberger (2008) (TV Doku)
    R: Heinrich Billstein

    Der Mord an Walther Rathenau (2008) (TV Doku)
    R: Heinrich Billstein

    Der Prager Frühling (2008)
    R: Michael Kreihsl

    Liebe auf Kredit (2007)
    R: Michael Kreihsl

    Mein Vater, meine Frau und meine Geliebte (2004)
    R: Michael Kreihsl

    Liebe zartbitter (2003)
    R: Michael Kreihsl

    Die Geschichte Mitteldeutschlands (1999/2001) (2 Folgen – TV-Doku)
    R: Volker Holecek u.a.

    Als Kameraassistenz:

    Manöver (1988)
    R: Helma Sanders-Brahms

    Das Mikroskop (1987/1988)
    R: Rudolf Thome

    Die Katze (1987/1988)
    R: Dominik Graf

    Auszeichnungen

    Preise und Auszeichnungen für die Kamera:

    2010 Deutscher Filmpreis nominiert für Der Räuber

    2010 Deutscher Kamerapreis nominiert für Der Räuber

    2010 Österreichischer Filmpreis nominiert für Der Räuber

    Preise und Auszeichnungen für die Filme:

    2012 Grimme-Preis Spezial für Dreileben

    2011 Deutscher Fernsehpreis für Dreileben

    2010 Filmkunstpreis des Festivals des Deutschen Films für Orly

    2010 DEFA-Förderpreis für 9 Leben

    2009 Bayerischer Filmpreis für Der Räuber

    2007 Hessischer Filmpreis für Madonnen

    2005 First Steps Award für Schläfer

    2001 VPRO Tiger Award

    Großer Preis der Jury des Internationalen Frauen Film Festivals

    MFG-Star für In den Tag hinein

    1996 Preis der deutschen Filmkritik für Das Glück meiner Schwester

    Jurybegründung

    Reinhold Vorschneider ist ein Kameramann mit einem langen Atem. Seit den 1980er Jahren zeichnet der 1951 geborene Vorschneider als Bildgestalter vor allem für deutsche Filme verantwortlich. Nach Assistenzen bei Martin Schäfer (u.a. bei Dominik Grafs großbudgetiertem Thriller Die Katze, 1988) und einem Studium an der dffb beginnt er bei Rudolf Thome seine eigenständige Kameraarbeit. Ab Mitte der 1990er Jahre kommt dann auch die prägende Zusammenarbeit mit Angela Schanelec hinzu, für die Vorschneider bislang mehr als ein halbes Dutzend geduldige und präzise Arbeiten ablieferte. Durch die Bildgestaltung für Benjamin Heisenberg, Maria Speth, Christoph Hochhäusler und Thomas Arslan wird er international bekannt.

    Auch wenn sie keine auffälligen Effekte oder vordergründige Techniken einsetzen, so fallen die Filme, die Vorschneider fotografiert hat, doch immer auf durch ihre außerordentliche Präzision und durch ein durchdachtes Konzept, das sich aber niemals als solches in den Vordergrund drängt. Diese Filme haben keine Signatur im Sinne einer Stilfigur, aber sie besitzen dennoch etwas eigenes, das sich häufig in der Lichtgestaltung und in der wandelbaren Beziehung von Raum, Zeit und Figur findet.

    Dabei gleicht kein Film Vorschneiders dem anderen: Benjamin Heisenbergs Der Räuber (2010), eine kinetische Geschichte eines Bankräubers und Marathonläufers, hat er in dynamische Bilder auf 35mm in Cinemascope und Farbe gefasst, Angela Schanelecs Orly (2010) entstand an Originalschauplätzen mit langen, unbewegten Einstellungen, die mit der digitalen RED festgehalten wurden. Und Maria Speths Neun Leben (2010) ist ein in Schwarzweiß gedrehter Dokumentarfilm. Immer wieder fordert Vorschneider also sich und die Zuschauer heraus, die Welt durch die Kamera neu zu entdecken.

    Reinhold Vorschneider vertraut ganz dem natürlichen Licht und fordert den Zuschauer dazu auf, dessen Eigenheiten zu entdecken. Meist belässt er es beim vorgefundenen Licht und greift nur selten mit künstlicher Beleuchtung ein. Man könnte ihn als einen Kameramann des Halbdunkels und des Halbschattens bezeichnen. Es ist ganz erstaunlich, welche Differenzierungen er der Dunkelheit abringt, in die dann immer noch die Spiegelungen eines fernen Lichts hineinfallen und kleine Lichtinseln erzeugen. Besonders eindrücklich gelingt dies in der großen Altbauwohnung in Der Räuber, in der sich das ungleiche Paar eingerichtet hat. Diese wird allein durch das Licht inszeniert: die dem milden Hoflicht zugewandte Küche, die durch schwere Gardinen abgedunkelten Schlafräume und der schmale, ganz von der Dunkelheit umfangene Flur dazwischen. Auch Im Schatten (2010, Thomas Arslan) demonstriert Vorschneiders Interesse am Licht und seiner Eigenschaften: Der Film beginnt mit einer langen Einstellung auf eine nächtliche Kreuzung der Berliner Friedrichstraße, auf die sich ein Platzregen ergießt. Die Szenerie ist erleuchtet durch die Vielfalt der städtischen Lichtquellen – Straßenlaternen, Leuchtreklamen, Verkehrsschilder und Hinweistafeln, die alle ihr eigenes Licht aussenden. Die Kamera tut nun nichts anderes als auf das Genaueste die Spiegelungen und Brechungen des Lichts im nassen Asphalt, in den Schaufenstern und Glasfassaden zu beobachten. Sie entwirft ein Zeitbild. Sie zeichnet auf, wie sich die Farben und die Konturen der Dinge in einem beständigen Fluss verändern.

    Reinhold Vorschneiders Ästhetik der Beobachtung und Dauer fordert uns als Zuschauer auf, genau hinzuschauen – durch minimale Bewegungen, Fokusverschiebungen oder die schiere Insistenz trainieren die Filme die Aufmerksamkeit und schärfen die Wahrnehmung. Es sind zumeist Studien von Licht und Bewegung im Raum, eher als Bilder, die Figuren einfach nur bei Handlungen abbilden. Eine große Klarheit und Ruhe strahlen diese Aufnahmen aus. Dabei kommt die Bildgestaltung unaufgeregt und direkt daher; es ist die Alltagserfahrung, für die Reinhold Vorschneiders Kamera uns die Sinne schärft.