Agnès Godard

  • Ich mag es Körper und die Haut zu filmen. Man fühlt sich dabei, als wäre man in Kontakt mit etwas Geheimnisvollem. Wie fällt das Licht auf die Menschen, wie fällt es auf die Haut? Es ist etwas Taktiles.

    — Agnès Godard
    Biografie

    Agnès Godard wird am 28. Mai 1951 in Dun-sur-Auron, Département Cher, in Frankreich geboren. Ihr Vater, ein Tierarzt, ist leidenschaftlicher Fotograf der eigenen Familie. Durch ihn entdeckt sie ihre Faszination für Bilder. Sie studiert zuerst Journalimus, schreibt sich aber nach einigen Jahren 1976 an der Filmhochschule IDHEC in Bry-sur-Marne ein (Institut des Hautes Etudes Cinématographiques, heute: La Fémis – École Nationale Supérieure des Métiers de l’Image et du Son), wo sie zuvor bereits als Gasthörerin Seminare besuchte.

    Während ihrer Studien arbeitet sie als Assistentin eines Modefotografen, für eine PR-Agentur und für das Bildungsministerium. An der IDHEC besucht sie Seminare von Serge Daney, Serge Toubiana und Pascal Kané und legt dort 1980 ihren Abschluss ab. Ihr Vater stirbt im selben Jahr und hinterlässt ihr seine Kamera. Sie spielt in Studentenfilmen mit, wirkt mit am Dreh von Filmen von Kané und Danielle Jaeggi.

    Im zweiten Jahr spezialisiert sie sich auf Kameraarbeit. Einer ihrer Lehrer ist der legendäre Kameramann Henri Alekan, der zu ihrem Mentor wird. Sie wird Alekans erste Kameraassistentin für Der Stand der Dinge (1982) von Wim Wenders, später assistiert sie Robby Müller für Paris, Texas (1984).

    In den 1980er Jahren arbeitet Godard meist als Kameraassistentin und Schärfenzieherin u.a. für Filme von Joseph Losey, Peter Greenaway und Alain Resnais. Bei einem Kurzfilm unter der Regie von Alekan arbeitet sie als Kamerafrau. Ihr erstes Projekt als alleinverantwortliche Kamerafrau ist für Wim Wenders’ Room 666 (1982), eine 50-minütige Fernsehdokumentation. Dort trifft sie Claire Denis, die für Wenders als Regieassistentin arbeitet. Ihre erste Kollaboration mit Claire Denis beginnt mit deren Debütfilm Chocolat, an dem sie als Kameraoperateurin beteiligt ist. Seit 1990, anlässlich einer Dokumentation über Jacques Rivette innerhalb der Serie Cinéma de Notre Temps für das französische Fernsehen, ist sie Denis’ reguläre Kamerafrau. Sie wird bekannt für ihre sensible Kameraführung, die das Bild nicht nur visuell, sondern auch geradezu taktil in Erscheinung treten lässt.

    Seit Trouble Every Day arbeitet sie hierzu u.a. mit der beweglicheren Kamera Aaton AMinima. Mit ihr kann sie sehr flexibel und nah an den Schauspielern in der jeweiligen Szene fotografieren. In ihren Filmen arbeitet sie meist auf Super 16- oder 35mm-Material. Nach vielen Nominierungen gewinnt sie 2001 den César für den internationalen Welterfolg Beau Travail. Sie ist Mutter einer Tochter. Seit Jahren arbeitet sie als international etablierte und preisgekrönte Kamerafrau (für André Téchiné, Emanuele Crialese, Claude Berri, Ursula Meier u.a.).

    Agnès Godard ist Mitglied des AFC – Association française des directeurs de la photographie cinématographique.

    Filmografie

    Une jeunesse dorée (2019) (post-production)
    R: Eva Ionesco

    Land (2018)
    R: Babak Jalali

    Un beau soleil intérieur (2017)
    R: Claire Denis

    When the Day Had No Name (2017)
    R:Teona Strugar Mitevska

    Kacey Mottet Klein, Naissance d’un acteur (2015) (short documentary)
    R: Ursula Meier

    The Falling (2014)
    R:Carol Morley

    La ritournelle (2014)
    R: Marc Fitoussi

    L’armée du salut (2013)
    R: Abdellah Taïa

    Los insólitos peces gato (2013)
    R: Claudia Sainte-Luce

    Les Salauds – Dreckskerle (2013)
    R: Claire Denis

    Tu honoreras ta mère et ta mère (2012)
    R: Brigitte Roüan

    L’enfant d’en haut (2012)
    R: Ursula Meier

    Als Kamerafrau (Auswahl Langspielfilme):

    Où va la nuit (Arbeitstitel) (2010)
    R: Martin Provost

    Simon Werner a disparu (2009)
    R: Fabrice Gobert

    Trésor (2009)
    R: Claude Berri, François Dupeyron

    Partir (Die Affäre) (2008)
    R: Catherine Corsini

    35 Rhums (2007)
    R: Claire Denis

    Home (2007)
    R: Ursula Meier

    Ensemble, c’est tout (Zusammen ist man weniger allein) (2006)
    R: Claude Berri

    The Golden Door (Nuovomondo) (2005)
    R: Emanuele Crialese

    Backstage (2005)
    R: Emmanuelle Bercot

    Vers Mathilde (2005)
    R: Claire Denis

    Wild Side (2004)
    R: Sébastien Lifshitz

    L’Intrus (2004)
    R: Claire Denis

    Les Egarés (2003)
    R: André Téchiné

    Ten Minutes Older: The Cello (2002) (Segment: Vers Nancy)
    R: Claire Denis

    Vendredi soir (2002)
    R: Claire Denis

    Au plus près du Paradis (Dem Paradies ganz nah) (2002)
    R: Tonie Marshall

    Trouble Every Day (2001)
    R: Claire Denis

    La Répétition (2000)
    R: Catherine Corsini

    La Nouvelle Ève (1999)
    R: Catherine Corsini

    La vie ne me fait pas peur (1999)
    R: Noémie Lvovsky

    Beau Travail (1999)
    R: Claire Denis

    La Vie rêvée des anges (Liebe das Leben) (1998)
    R: Eric Zonca

    L’ Arrière-pays (1998)
    R: Jacques Nolot

    Nénette et Boni (1996)
    R: Claire Denis

    À propos de Nice, la suite (À propos de Nice – Wie es weiterging) (1995) (Segment: Nice, Very Nice)
    R: Claire Denis

    Le géographe manuel (1993)
    R: Michel Stumpf

    J’ai pas sommeil (Ich kann nicht schlafen) (1993)
    R: Claire Denis

    L’ Absence (Die Abwesenheit) (1992)
    R: Peter Handke

    Jacquot de Nantes (1991)
    R: Agnès Varda

    Auszeichnungen

    2012 Marburger Kamerapreis für das Gesamtwerk

    2010 Chlotrudis Award (nominiert) für 35 rhums

    2009 Prix spécial de la Commission Supérieure Technique de l’Image et du Son für das Gesamtwerk

    2008 Preis ADF Asociación Argentina de Autores de Fotografía Cinematográfica und César (nominiert) für Home

    2007 David di Donatello (nominiert) für Nuovomondo

    2004 Chlotrudis Award für Vendredi soir

    2004 César (nominiert) für Les égarés

    2001 César für Beau Travail

    2001 NSFC National Society of Film Critics Award für Beau Travail

    2001 Chlotrudis Award für Beau Travail

    2000 BSFC Boston Society of Film Critics Award ‘Runner-up’ und European Film Award (nominiert) für Beau Travail

    1999 César (nominiert) für La Vie rêvée des anges

    1997 Camerimage ‘Golden Frog’ (nominiert) für Nénette et Boni

    1994 Camerimage ‘Golden Frog’ (nominiert) für J’ai pas sommeil

    1994 Torino IFF ‘Equal Rights Award’ für U.S. Go Home

    Jurybegründung

    Mit Agnès Godard wird in diesem Jahr eine Kamerafrau ausgezeichnet, die sich in den vergangenen zwanzig Jahren als eine der prägnantesten, mutigsten und einflussreichsten Bildgestalterinnen im europäischen Film erwiesen hat.

    Die Kameraarbeit von Agnès Godard zeichnet sich durch eine beeindruckende Wandelbarkeit und Vielfalt aus: Erste Schritte machte sie an der Seite des französischen Altmeisters Henri Alekan bei Filmen unter der Regie von Wim Wenders und Alain Resnais in den 1980er Jahren. Bekannt geworden ist sie durch ihre langjährige Zusammenarbeit mit der Regisseurin Claire Denis, mit der sie gemeinsam ein Dutzend Filme realisiert hat. Von den ersten Filmen an ist dabei eine intensive Neugierde auf die Welt spürbar, eine Lust am Sehen und ein Gespür dafür, die Dinge und die Menschen neu und auf andere Weise visuell zu entdecken. Es sind zuallererst Körper in Bewegung, für die Godard immer wieder aufregende Bilder (er)findet – ob dies nun Füße sind, die nackt über Steine laufen, ausdrucksstarke Gesichter, eine einzelne tanzende Figur, Körper, die im Nahkampf aufeinander prallen oder wogende Menschenmengen. Die Kamera kann dabei eine intimen Nähe herstellen wie in den zahlreichen Großaufnahmen von Nénette et boni oder überwältigende Panoramen entwerfen wie die karge Wüstenlandschaft Djiboutis in Beau travail. Stets ist dabei ein großes Interesse an der Welt und eine intime Zuneigung zu den Menschen spürbar, somit eine zutiefst menschliche Dimension der Fotografie.

    Diese Nähe wird häufig nicht durch großen technischen Aufwand, sondern, im Gegenteil, durch die bewusste Reduktion der Mittel erreicht: In US go home etwa tanzt Grégoire Colin in einem Teenagerzimmer vor Godards Kamera – kein Zoom, kein Schnitt, nur ein Mitschwenken der Kamera mit der Figur. Sie hält eine angemessene Distanz und lässt so sprachlos und direkt die Dynamik der Figur (an und) für sich sein: das Hin und Her, ihre Hoffnung, ihr Leid und ihr Glück im simplen Tanz und Mitsingen des Liedes vor einer braunen 1970er-Jahre-Tapete. Die ungeschnittene Szene dauert in Echtzeit die kleine Ewigkeit einer Zigaretten- und Songlänge.

    Neben der prägenden Zusammenarbeit mit Claire Denis hat Agnès Godard auch für eine Reihe anderer Regisseure unvergessliche Bilder geschaffen, darunter solch bedeutende Persönlichkeiten des europäischen Kinos wie Agnès Varda, Peter Handke, Érick Zonca, Noémie Lvovsky, André Téchiné, Emanuele Crialese, Claude Berri und Ursula Meier. Ihre Vielseitigkeit zeigt sich auch darin, dass Godard sich nicht über einen bestimmten visuellen Stil oder ein einzelnes Gestaltungsmittel definieren ließe; eher ist ihre Offenheit gegenüber unterschiedlichen Stoffen und Stilen prägend, denen sie immer wieder ebenso angemessene wie überraschende Bilder verleiht. So ist es keine vordergründige Kunstfertigkeit oder eifrig demonstrierte Virtuosität, sondern die Erschaffung einer eigenen visuellen Welt im Zusammenspiel mit anderen Beteiligten am Film, die bei der Betrachtung des Gesamtwerkes auffällt.

    Wenn es darüber hinaus doch so etwas wie einen gemeinsamen Nenner ihrer bildgestalterischen Arbeit gibt, so liegt dieser in der Autonomie des filmischen Bildes. Häufig wird von der Kamera im Film eine dienende Funktion erwartet, nach der diese die filmische Erzählung, also das Drehbuch, zu illustrieren hat. Die von Agnès Godard gedrehten Filme zeichnen sich gerade dadurch aus, dass die Bilder selbst ihren Eigensinn behalten, ihr ästhetisches Gewicht, ihre sinnliche Kraft und ihre poetische Präsenz. Die narrative Dimension schwingt zwar stets mit, steht aber nicht allein im Zentrum, sondern ergibt sich häufig erst in einem zweiten Schritt, nachdem zunächst Texturen und Farben, Formen und Licht ihren Reichtum entfaltet haben. Dadurch gelingt es, die Zuschauer in den Bann der Bilder zu ziehen, die mit Lebensnähe und Gegenwärtigkeit, mit Sensualität und Menschlichkeit pulsieren.