Anthony Dod Mantle

  • Die Seele, nicht der Stil ist es, worauf es ankommt. Eine Technik, die nicht zu Kunst wird, ist uninteressant. Leute fürchten das Neue und Unvorhersehbare. Es ist schwer zu verstehen warum, denn die Sprache des Kinos verlangt nach ständiger Erneuerung.

    — Anthony Dod Mantle
    Biografie

    Anthony Dod Mantle wird 1955 in Oxford/England geboren. Der Sohn eines Wissenschaftlers und einer Malerin unternimmt nach seinem Collegeabschluss Reisen nach Frankreich, Dänemark und Indien, wo er sich intensiv der Fotografie widmet.

    Am London College of Printing nimmt Dod Mantle 1980 ein Masterstudium im Fach Fotografie auf, das er 1983 abschließt. Von 1985 bis 1989 studiert er Kamera an der Danske Filmskole (DDF) in Kopenhagen, wo er seitdem seinen Lebensmittelpunkt hat. In dieser Zeit beginnt er mit dem Drehen von Kurzfilmen, Musikvideos und Werbespots. Zwei Jahre nach dem Abschluss an der dänischen Filmhochschule dreht er mit dem deutschen Regisseur Philip Gröning seinen ersten größeren Kinofilm Die Terroristen!(1992), arbeitet zu Beginn seiner Karriere aber überwiegend an Kurzfilmen und Dokumentationen.

    Anthony Dod Mantle ist eine der zentralen Persönlichkeiten der dänischen Dogma 95-Bewegung. Mit seiner Kameraarbeit für den ersten Dogma-Film Das Fest (1998, Regie: Thomas Vinterberg) sorgt er international für Aufsehen. Anschließend dreht er mit Mifune (1998, Regie: Søren Kragh-Jacobsen) und Julien Donkey-Boy (1999, Regie: Harmony Korine) zwei weitere Dogma-Filme. Mit den Begründern der Bewegung Lars von Trier und Thomas Vinterberg arbeitet Dod Mantle seitdem regelmäßig zusammen. Seine Kooperation mit dem britischen Regisseur Danny Boyle beginnt im Jahre 2001. Gemeinsam mit Boyle dreht er unter anderem zwei Fernsehfilme für die BBC und den Endzeit-Horrorfilm 28 Days Later(2002) auf Mini-DV. Zuvor hatte er mit diesem Format schon die Dogma-Filme Das Fest und Julien Donkey-Boy realisiert. Ab 2003 arbeitet Dod Mantle verstärkt mit HD-Formaten und Kombinationen aus analogen und digitalen Aufnahmesystemen. Er ist ein Pionier des digitalen Kinos und gibt sein technisches und künstlerisches Wissen gemeinsam mit Christopher Doyle und anderen namhaften Kameraleuten in Vorträgen weiter.

    Seit Jahren zählt Dod Mantle zu den international gefragtesten Bildgestaltern und wird mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für seinen ersten mit einer HD-Kamera gedrehten Film Dogville(2003, Regie: Lars von Trier) erhält er den Europäischen Filmpreis. 2006 wird seine Kameraarbeit für den Polit-Thriller Der letzte König von Schottland (Regie: Kevin Macdonald) mit dem British Independent Film Award ausgezeichnet. Für Dod Mantles jüngste Kooperationen mit Lars von Trier und Danny Boyle (Antichrist, 2009 und Slumdog Millionär, 2008) wird ihm 2009 abermals der Europäische Filmpreis verliehen. Seine Kameraarbeit für den Welterfolg Slumdog Millionär wird 2009 mit dem Oscar geehrt.

    Anthony Dod Mantle ist Mitglied der British Society of Cinematographers (BSC) und des Dansk Filmfotograf Forbund (DFF).

    Filmografie

    Gutterbee (2018) (post-production)
    R: Ulrich Thomsen

    Kursk (2018)
    R: Thomas Vinterberg

    Tro (2018) [Dokumentation]
    R: Jens Loftager

    The Putin Interviews (2017) [TV-Dokumentation]
    R: Oliver Stone

    First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers (2017)
    R: Angelina Jolie

    T2 Trainspotting (2017)
    R: Danny Boyle

    Snowden (2016)
    R: Oliver Stone

    In the Heart of the Sea (2015)
    R: Ron Howard

    Verräter wie wir (2015)
    R: Susanna White

    Rush – Alles für den Sieg (2013)
    R: Ron Howard

    Trance – Gefährliche Erinnerung (2013)
    R: Danny Boyle

    Judge Dredd (2011)
    R: Pete Travis

    127 Hours (2011)
    R: Danny Boyle

    The Eagle (2010)
    R: Kevin Macdonald

    Antichrist (2009)
    R: Lars von Trier

    Paradis (2009) [Dokumentation]
    R: Jens Loftager, Erlend E. Mo

    Wallander (2008) [TV, Episoden #1 „Die falsche Fährte“ und #3 „Mittsommernachtsmord”]
    R: Philip Martin

    Slumdog Millionär (2008)
    R: Danny Boyle

    SveitabrÚÐkaup (2008)
    R: Valdis Óskarsdóttir

    Trip to Asia – Die Suche nach dem Einklang (2008) [Dokumentation]
    R: Thomas Grube

    Occupations (2007) [Segment von To Each His Own Cinema]
    R: Lars von Trier

    En Mand Kommer Hjem (2007)
    R: Thomas Vinterberg

    Hjemve (2007)
    R: Lone Scherfig

    My Black Little Heart (2006)
    R: Claire Angelique

    Mit Danmark – Film Nr. 1 (2006) [Folge einer 10-teiligen Dokumentationsserie]
    R: Jens Loftager

    Istedgade (2006) [Kurzfilm]
    R: Birgitte Stærmose

    Der letzte König von Schottland (2006)
    R: Kevin Macdonald

    Sophie (2006) [Kurzfilm]
    R: Birgitte Stærmose

    Brothers of the Head (2005)
    R: Keith Fulton, Louis Pepe

    Manderlay (2005)
    R: Lars von Trier

    Dear Wendy (2005)
    R: Thomas Vinterberg

    Familien Gregersen/Lost Generation (2004) [2. Kamera, Bildgestaltung von Dirk Brüel]
    R: Charlotte Sachs Bostrup

    Millions (2004)
    R: Danny Boyle

    SmÅ Skred (2003) [Kurzfilm]
    R: Birgitte Stærmose

    Krig (2003) [Dokumentation]
    R: Jens Loftager

    Dogville (2003)
    R: Lars von Trier

    It’s All About Love (2003)
    R: Thomas Vinterberg

    Die große Stille (2002) [Dokumentation]
    R: Philip Gröning

    Volkswagen – Zusammen (2002) [Werbespot]
    R: Alice Agneskirchner

    28 Days Later (2002)
    R: Danny Boyle

    Vacuuming Completely Naked In Paradise (2001) [TV]
    R: Danny Boyle

    Strumpet (2001) [TV]
    R: Danny Boyle

    Manden Med Tubaen (2000) [Kurzfilm]
    R: Anders Gustafsson

    Jokes: Easter (2000)
    R: Gus Van Sant

    D-Dag (2000) [TV]
    R: Lars von Trier

    En Verdensomsejling under bordet (1999) [TV]
    R: Maria Walbom

    Julien Donkey-Boy (1999) [Dogma #6]
    R: Harmony Korine

    Bornholms Stemme (1999)
    R: Lotte Svendsen

    Mifune (1998) [Dogma #3]
    R: Søren Kragh-Jacobsen

    Festen (1998) [Dogma #1]
    R: Thomas Vinterberg

    Tranceformer – A Portrait of Lars von Trier (1997) [Dokumentation]
    R: Stig Björkman

    NonnebØrn (1997)
    R: Cæcilia Holbek Trier

    Det store flip (1997)
    R: Niels Gråbøl

    De stØrste helte/The Biggest Heroes (1996)
    R: Thomas Vinterberg

    Velo Negro (1996) [Dokumentation]
    R: Arjanne Laan

    Fredens Port (1996) [Kurzdokumentation]
    R: Thomas Stenderup

    Operation Cobra (1995)
    R: Lasse Spang Olsen

    Menneskedyret (1995)
    R: Carsten Rudolf

    ORDP (1994) [Dokumentation]
    R: Jens Loftager

    Die Terroristen! (1992)
    R: Philip Gröning

    Die Geburtstagsreise (1990)
    R: Lone Scherfig

    Auszeichnungen

    Academy Awards
    2009 Oscar Best Achievement in Cinematography for Slumdog Millionär (2008)

    Amercian Society of Cinematographers
    2009 ASC Award Outstanding Achievement in Cinematography in Theatrical Releases for Slumdog Millionär(2008)

    BAFTA Awards
    2009 ASC Award Outstanding Achievement in Cinematography in Theatrical Releases for Slumdog Millionär(2008)

    BAFTA TV Award
    Best Photography & Lighting Fiction/Entertainment for Kommissar Wallander (2008).

    Bodil Awards
    2010 Best Cinematography for Antichrist (2009)
    2004 Cinematographer Award

    British Independent Film Awards
    2006 British Independent Film Award Best Technical Achievement for The Last King of Scotland (2006)

    Camerimage
    2008 Golden Frog for Slumdog Millionär (2008)

    European Film Awards
    2009 European Film Award Best Cinematographer for Antichrist (2009) and Slumdog Millionär (2008)
    2003 European Film Award Best Cinematographer for Dogville (2003)

    Evening Standard British Film Awards
    2007 Best Technical Achievement for Brothers of the Head(2005) and The Last King of Scotland

    NatFilm Festival
    2000 Night Dreamer Award

    National Society of Film Critics Awards
    2009 NSFC Award Best Cinematography for Slumdog Millionär (2008)

    New York Film Critics Circle Awards
    2008 NYFCC Award Best Cinematography for Slumdog Millionär (2008)

    Robert Festival
    2010 Robert Best Cinematography for Antichrist (2009)
    2004 Robert Best Cinematography for It’s All About Love(2003)
    1999 Robert Best Cinematography for Festen (1998)
    1996 Robert Best Cinematography for Menneskedyret (1995)

    San Diego Film Critics Society Awards
    2008 SDFCS Award Best Cinematography for Slumdog Millionär (2008)

    Stockholm Film Festival
    2006 Best Cinematography for The Last King of Scotland(2006)

    Jurybegründung

    Mit Anthony Dod Mantle wird einer der innovativsten und einflussreichsten Bildgestalter des europäischen Gegenwartskinos ausgezeichnet. Seiner unbändigen Experimentierfreude im Einsatz verschiedenster Aufnahmesysteme, seiner bildschöpferischen Kreativität und seinem Mut, althergebrachte Konventionen zu brechen, sind einige der visuell imposantesten Filme der letzten Jahrzehnte zu verdanken. Seine technische Perfektion, seine Hingabe an jedes einzelne Projekt und seine Bereitschaft, immer wieder filmkünstlerisches Neuland zu betreten, werden von bedeutenden Regisseuren wie Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kevin Macdonald oder Danny Boyle geschätzt, deren Stammkameramann er ist.

    Es war Anthony Dod Mantle, der in Das Fest (1998, Regie: Thomas Vinterberg) als einer der ersten die gestalterischen Potenziale einer kleinen, für den Amateurmarkt konzipierten Digitalkamera erkannte und mit der kalkulierten Rauheit der Bilder entscheidend zur verstörenden Intensität dieses ersten Films der dänischen Dogma 95-Bewegung beigetragen hat. Dod Mantle weiß die Einschränkungen des Dogma 95-Manifests, zu denen beispielsweise das Gebot der Handkamera und der Verzicht auf künstliche Beleuchtung gehört, kreativ zu nutzen und überrascht mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und verschatteten Bildern von geradezu malerischer Qualität jenseits aller Zuschreibungen wie Realismus oder Authentizität.

    Nicht nur als Kameramann dieses stilbildenden, für den Erfolg der Dogma 95-Bewegung enorm wichtigen Films, sondern auch, weil er mit dem ebenfalls international erfolgreichen Mifune (1998, Regie: Søren Kragh-Jacobsen) und dem experimentellen Julien Donkey-Boy (1999, Regie: Harmony Korine) zwei weitere bemerkenswerte Filme der Bewegung fotografiert hat, gilt er zu Recht als eine ihrer bedeutendsten Persönlichkeiten. Seinen Ruf als Wegbereiter des digitalen Kinos hat Anthony Dod Mantle spätestens mit dem Einsatz von DV-Kameras in dem Endzeit-Horrorfilm 28 Days Later (2002) gefestigt, der ersten Kooperation mit Danny Boyle.

    Das Werk Anthony Dod Mantles ist geprägt von einer enormen Vielseitigkeit. In Dogville (2003), bei dem Regisseur Lars von Trier die Kamera weitgehend selbst führte, nahm Dod Mantle die Position eines klassischen Directors of Photography ein, der die Visualität des Films überwacht und vor allem die Lichtgestaltung verantwortet. Gerade in einem die Grenzen zwischen Film, Literatur und Theater auslotenden Experiment wie Dogville kommt der Lichtsetzung eine außerordentliche Bedeutung zu. Dod Mantle beweist nicht nur hier, sondern auch in der Fortsetzung Manderlay (2005, Regie: Lars von Trier) eindrucksvoll, dass er auch diesen Bereich seines Handwerks souverän beherrscht. Mit den Mitteln der Lichtsetzung haucht er dem Städtchen Dogville Leben ein, dirigiert nuanciert die Atmosphäre des Films und leitet virtuos dessen erschütterndes Ende ein. Von solch atmosphärischer Dichte ist auch die jüngste Zusammenarbeit zwischen Anthony Dod Mantle und Lars von Trier gekennzeichnet: Der visuellen Suggestion des kontrovers diskutierten Psycho-Horror-Thrillers Antichrist(2009) können sich selbst dessen Kritiker nur schwerlich entziehen.

    Die Wahl der Kamera und des Materials ist bei Anthony Dod Mantle niemals manierierter Selbstzweck, sondern stets Resultat einer bewussten Entscheidung im Dienste der erzählten Geschichte. Häufig begnügt er sich nicht mit einem Format für den gesamten Film, sondern entscheidet über seine Werkzeuge nach den Erfordernissen einzelner Sequenzen. Bereits in Julien Donkey-Boy griff er neben handelsüblichen DV-Kameras auch auf Infrarottechnik und so genannte „Spycams“ zurück, Miniaturkameras, die es ermöglichen, unbemerkt zu filmen. Im weitgehend auf 16mm gedrehten Politthriller Der letzte König von Schottland (2006, Regie: Kevin Macdonald) setzte er beispielsweise für Großaufnahmen des Hauptdarstellers Forrest Whitaker 35mm-Material ein, um dem Wahnsinn des von diesem verkörperten ugandischen Diktators Idi Amin besser Ausdruck verleihen zu können. Sowohl in 28 Days Later als auch in der mehrfach ausgezeichneten Kartäuser-Dokumentation Die große Stille (2002, Regie: Philip Gröning), kombiniert er klassisches Filmmaterial mit modernster Digitaltechnologie.

    Zwischen verschiedenen Aufnahmesystemen bewegt sich Dod Mantle auch in seinem bislang erfolgreichsten Film, dem weltweiten Erfolg Slumdog Millionär (2008, Regie: Danny Bolye), für den er mit dem Oscar für die beste Kamera ausgezeichnet wurde. Um der Vielfalt der Stationen im bewegten Leben des „Slumdogs“ Jamal gerecht zu werden, arbeitete Dod Mantle abermals mit verschiedenen analogen und digitalen Kameras – die rasanten Verfolgungssequenzen in den Slums von Mumbai verdanken ihre Intensität zum Teil sogar einer digitalen Fotokamera – und setzte zudem diverse Filmmaterialen mit unterschiedlichen Charakteristika ein. Das Ergebnis sind nie gesehene Bilder Indiens zwischen kaum ertragbarer Schonungslosigkeit und bezwingender Schönheit, die sich in perfekter Synthese zu einem der mitreißendsten Filme der letzten Jahre ergänzen.
    Anthony Dod Mantle ist ein intuitiver Experimentator, ein visueller Stratege, ein perfekter Teamplayer und ein technikbegeisterter Visionär, der seine Mittel äußerst sorgsam und mit großer Souveränität wählt. Er ist ein Bildkünstler, der sich jenseits der Konventionen immer wieder neu erfindet und sich gerade dadurch treu bleibt, ein Grenzgänger und Grenzüberschreiter, der keinen Stillstand duldet und die Bildsprache ständig weiterentwickelt.