2006: Judith Kaufmann

Judith Kaufmann

Preisträgerin des Jahres 2006

Der Kontakt mit dem Leben, mit dem, was Menschen fühlen und leben, dafür Bilder zu finden, mit Schauspielern in Kontakt zu sein, das ist für mich sofort das Aufregende an dieser Arbeit gewesen.

Judith Kaufmann

Judith Kaufmann wurde am 20. September 1962 in Stuttgart geboren und wuchs ab 1963 mit ihrer Familie in Berlin auf. Bereits in der Schulzeit interessiert sie sich für Fotografie und macht nach dem Abitur eine Ausbildung als Fotografin. An der Staatlichen Fachschule für Optik und Fototechnik in Berlin erwirbt sie 1984 den Abschluss als „staatlich geprüfte Kamera-Assistentin für Real-Aufnahmen“. Nach ihrem Abschluss arbeitet sie in den 1980er Jahren als 1. Kameraassistentin für renommierte Kameraleute (u.a. Thomas Mauch, Gernot Roll, Raoul Coutard, Jürgen Jürges) bei 14 Kinofilmen, sechs TV-Filmen und acht Dokumentationen. Ihre erste Mitarbeit verzeichnet sie beim Kameramann Thomas Mauch als Materialassistentin für Thomas Braschs Domino (1982). Sie arbeitet nicht nur für das Kino, sondern auch für bekannte TV-Produktionen wie den Tatort.

Ihre Bildlichkeit prägt maßgeblich den deutschen Film. Sie erzählt ihre Geschichten mit und durch Bilder, findet individuelle Einstellungen, die der Wirklichkeit so nah wie möglich kommen. Sie gilt als äußerst experimentierfreudig und bietet oftmals jungen Nachwuchsregisseuren die Chance der Zusammenarbeit. Besondere Aufmerksamkeit bekam das Punk-Märchen Engel und Joe (2001, Vanessa Joop), da sie durch die Arbeit mit der Handkamera besonders nah an die Realität der beiden Protagonisten herankam und auch durch die Lichtdramaturgie zu überzeugen wusste.

Bevor Judith Kaufmann als erste Frau 2006 den Marburger Kamerapreis erhielt, konnte sie bereits einige andere Auszeichnungen entgegennehmen. Ihre erste Auszeichnung erhielt sie für Steuermann(1997, Stefan Schneider) auf dem Europäischen Kurzfilmwettbewerb für die Beste Kamera. Außerdem erhielt sie den Femina Film-Preis (2000) für Drachenland (1999, Florian Gärtner), den Bayerischen Filmpreis für Elefantenherz (2002, Züli Aladag), den Deutschen Kamerapreis für Scherbentanz(2002, Chris Kraus) und den Hessischen Filmpreis für Fremde Haut (2005, Angelina Maccarone). 2010 bekam sie erneut den Deutschen Kamerapreis, dieses Mal für Die Fremde (2010, Feo Aladag) und 2012 erhielt sie den Ehrenpreis des Kuratoriums des Deutschen Kamerapreises für herausragende Leistungen. Ihren bisher größten Erfolg konnte Kaufmann mit Erbsen auf halb 6 (2004, Lars Büchel), ein deutsches Road Movie, verzeichnen. Sie ist damit ein Beispiel, dass auch Frauen in der Männerdomäne als Kameramann bzw. –frau sich erfolgreich durchsetzen können.

Seit 1994 vermittelt Judith Kaufmann ihr Wissen und Können an Filmhochschulen an angehende Filmschaffende, seit 2011 leitet sie den Bereich Kamera an der Hamburg Media School.

Räuberhände (2021)
Regie: Ilker Çatak

Das Verhör in der Nacht (2020, TV Film)
Regie: Matti Geschonneck

Wanda, mein Wunder (2020)
Regie: Bettina Oberli

Das Vorspiel (2019)
Regie: Ina Weisse

Nur eine Frau (2019)
Regie: Sherry Hormann

Der Junge muss an die frische Luft (2018)
Regie: Caroline Link

Draußen in meinem Kopf (2018)
Regie: Eibe Maleen Krebs

Der gleiche Himmel (2017, TV)
Regie: Oliver Hirschbiegel

Die göttliche Ordnung (2017)
Regie: Petra Biondina Volpe

Der Andere – eine Familiengeschichte (2016, TV)
Regie: Feo Aladag

Simon sagt ‚Auf Wiedersehen‘ zu seiner Vorhaut (2015)
Regie: Viviane Andereggen

Elser (2015)
Regie: Oliver Hirschbiegel

Freistatt (2015)
Regie: Marc Brummund

Das Zeugenhaus (2014, TV)
Regie: Matti Geschonneck

Zwischen Welten (2014)
Regie: Feo Aladag

Sein letztes Rennen (2013)
Regie: Kilian Riedhof

Zwei Leben (2012/I)
Regie: Georg Maas, Judith Kaufmann

Zwei Leben (2012/II)
Regie: Georg Maas, Judith Kaufmann

Das Ende einer Nacht (2012, TV Film)
Regie: Matti Geschonneck

Mord in Ludwigslust (2012, TV Film)
Regie: Kai Wessel

Wer wenn nicht wir (2011)
Regie: Andres Veiel

Das Ende ist mein Anfang (2010)
Regie: Jo Baier

Alles Liebe (2010, TV Film)
Regie: Kai Wessel

Die Fremde (2010)
Regie: Feo Aladag

Ihr könnt euch niemals sicher sein (2008, TV Film)
Regie: Nicole Weegmann

Feuerherz (2008)
Regie: Luigi Falorni

Bella Block (2005-2008, TV Serie)
– Reise nach China (2008)
– Die Frau des Teppichlegers (2005)
Regie: Chris Kraus

Tatort (2003-2021, TV Serie)
– Borowski und der gute Mensch (2021)
– Armour fou (2017)
– Wem Ehre gebührt (2007)
– Der schwarze Troll (2003)
Regie: u.A. Ilker Çatak

Das letzte Stück Himmel (2007, TV Film)
Regie: Jo Baier

Vivere (2007)
Regie: Angelina Maccarone

Ich wollte nicht töten (2007, TV Film)
Regie: Dagmar Hirtz

Vier Minuten (2006)
Regie: Chris Klaus

Fremde Haut (2005)
Regie: Angeline Maccarone

Jena Paradies (2004)
Regie: Marco Mittelstaedt

Erbsen auf halb 6 (2004)
Regie: Lars Büchel

Scherbentanz (2002)
Regie: Chris Kraus

Brass on Fire (2002, Dokumentarfilm)
Regie: Ralf Marschalleck

Elefantenherz (2002)
Regie: Züli Aladag

Engel & Joe (2001)
Regie: Vanessa jopp

Jetzt oder nie – Zeit ist Geld (2000)
Regie: Lars Büchel

Swetlana (2000)
Regie: Tamara Staudt

Vergiss Amerika (2000)
Regie: Vanessa Jopp

Schwiegermutter (2000, TV Film)
Regie: Dagmar Hirtz

Drachenland (1999, TV Film)
Regie: Florian Gärtner

Marie Marie (1999, Short)
Regie: Erica von Moeller

Gnadenlos 2 – Ausgeliefert und mißbraucht (1999)
Regie: Gabi Kubach

Ein Engel schlägt zurück (1998, TV Film)
Regie: Angelina Maccarone

Alles wird gut (1998)
Regie: Angelina Maccarone

Der Steuermann (1997, Short)
Regie: Stefan Schneider

Niemand außer mir (1996, TV Film)
Regie: Florian Gärtner

Nico Icon (1995, Dokumentarfilm)
Regie: Susanne Ofteringer

Außerirdische (1993, TV Film)
Regie: Florian Gärtner

Tisch und Bett (1993, TV Serie)
Regie:

Nie wieder schlafen (1992)
Regie: Pia Frankenberg

Stocker & Stein (1991, TV Serie)
Regie:

Fussel (1988, Short)
Regie: Thomas Struck

Aufrecht gehen, Rudi Dutschke – Spuren (1988, Dokumentarfilm)
Regie: Helga Reidemeister

2014 Günter-Rohrbach-Filmpreis für Traumland (2013)

2012 Ehrenpreis des Kuratoriums des Deutschen Kamerapreises für Vier Minuten (2006)

2011 Preis zur Förderung der deutschen Filmkunst der DEFA-Stiftung

2010 Deutscher Kamerapreis für Die Fremde (2010)

2006 Marburger Kamerapreis

2006 Deutscher Fernsehpreis (Beste Kamera) für Bella Block

2005 Hessischer Filmpreis für Fremde Haut (2005)

2003 Bayerischer Filmpreis für Elefantenherz (2002)

2003 Deutscher Kamerapreis für Scherbentanz (2002)

1999 Max Ophüls Festival Femina Film Award für Drachenland (1999)

Mit Judith Kaufmann wird eine Kamerafrau mit dem Marburger Kamerapreis ausgezeichnet, die in den letzten Jahren eine sehr markante und konsequente Bildlichkeit entwickelt hat. In Kooperation mit jungen Regisseurinnen und Regisseuren (Vanessa Jopp, Angelina Maccarone, Lars Büchel, Chris Kraus, Züli Aladag) erzählt sie bewegende Geschichten von Gestrandeten, Gefährdeten und Ausgestoßenen. Die Protagonisten dieser stark beachteten Filme sind meist Jugendliche, die mit einer geradezu verzweifelten Energie ihren Platz in der Gesellschaft suchen, jedoch immer wieder abgewiesen werden oder junge Erwachsene, die scheinbar im Leben angekommen sind, aber unversehens in eine tiefe Krise geraten. Diese Filme versinken jedoch keineswegs in Tristesse und Depression, denn zu bezwingend sind Kraft und Lebensbegehren ihrer Hauptfiguren. Immer wieder gibt es Momente des geglückten Lebens, des zärtlichen Verstehens, Augenblicke der Hoffnung, die über die Enge der Geschichten hinausweisen. Für dieses jüngste deutsche Kino einer neuen sozialen Sensibilität, einer gesteigerten Aufmerksamkeit für die Ränder der Gesellschaft findet Judith Kaufmann beeindruckende Bilder. Von einem neuen poetischen Realismus, den ihre Kameraarbeit wesentlich ausprägt, könnte man sprechen.

Judith Kaufmann verzichtet dabei ganz auf eine nüchterne Registratur und auf einen distanzierten Blick. Ihre Kamera ist immer in einer sympathisierenden und bedingungslosen Nähe zu den Figuren, öffnet sich damit unmittelbar deren Wahrnehmung und Welterleben. Vor allem in ihren Arbeiten der letzten Jahre wird der Bildraum zur entscheidenden Reflexionsebene. In Scherbentanz (2001) bleibt der Kamerablick gänzlich gebunden an das Bewußtsein der Figuren, an ein Leben am Rande des Abgrunds, an die lebensbedrohliche Krankheit, an die Psychose und an die traumatisierende Erinnerung. Engel und Joe (2000) bringt mit hektischen Kamerabewegungen, mit unscharfen, sich auflösenden Bildern und mit einem jagenden Erzählrhythmus die zerstörerische Ruhelosigkeit des Drogenrauschs zum Ausdruck.

Mit einer selbstverständlichen Souveränität nutzt Judith Kaufmann alle Parameter der Bildgestaltung als Instrumente des Erzählens. Mit stark ausgebleichten Farben verschärft sie die Bildkontraste und verleiht den Figuren eine suggestive Präsenz – besonders eindrucksvoll in Elefantenherz (2001). Ihre Lichtgestaltung ist hochdifferenziert und macht mit subtilen Abstufungen die Räume als Bewußtseinsebene der Figuren kenntlich. Oft inszeniert sie die Montage in ihren Bildern und betont mit raffinierten Übergängen das komplexe Erzählgeflecht jener Geschichten, die um die Bedrohten und Gefährdeten kreisen. Ihre einfallsreiche Formgebung bereichert nicht nur das Gegenwartskino, auch in Fernsehfilmen gelingt es ihr immer wieder, ihre herausragende Bildgestaltung zur Geltung zu bringen – zuletzt in der zu Recht hochgelobten Bella Block – Folge Die Frau des Teppichlegers.

Auffallend häufig arbeitet Judith Kaufmann mit Regiedebütanten zusammen. Sie schätzt das Offene und noch nicht Festgelegte und tut alles, um den Bildklischees und den bequemen Lösungen zu entgehen. Es spricht für die Konsequenz ihrer Kameraarbeit, dass aus den gemeinsamen Anfängen stabile und dauerhafte Kooperationen entstanden sind. Mit der Auszeichnung für Judith Kaufmann würdigt der Marburger Kamerapreis zugleich auch die Leistung der Kamerafrauen, die in diesem bislang noch stark von Männern dominierten Beruf eine immer bedeutendere Rolle spielen.